Zen-Buddhismus ist eine Richtung des Mahāyāna-Buddhismus, in der die unmittelbare Praxis einen besonderen Stellenwert hat. Das japanische Wort Zen geht auf das chinesische Chan zurück, dieses wiederum auf das Sanskritwort dhyāna, das Sammlung oder meditative Versenkung bezeichnet.
Doch Zen lässt sich nicht einfach mit „Meditation“ übersetzen. Es ist eine buddhistische Tradition mit einer langen Geschichte, einer eigenen Klosterkultur, Ritualen, ethischen Regeln, Texten, Lehrlinien – und vor allem einer Praxis.
Von Indien nach China
Zen versteht sich als Teil der buddhistischen Überlieferung, die auf Siddhārtha Gautama, den historischen Buddha, zurückgeht.
In China verband sich der aus Indien überlieferte Buddhismus mit der chinesischen Kultur. Seit dem ersten Jahrtausend entwickelte sich dort die Chan-Tradition. In ihren späteren Überlieferungen wurde Bodhidharma, ein vermutlich im 5. oder 6. Jahrhundert wirkender buddhistischer Mönch, zum symbolischen ersten Patriarchen des chinesischen Chan.
Historisch entstand Chan jedoch nicht durch einen einzelnen Gründer. Es entwickelte sich über mehrere Jahrhunderte aus unterschiedlichen buddhistischen Lehr- und Meditationsströmungen.
Die Überlieferung außerhalb der Schriften?
Zen wird traditionell mit einer berühmten Formulierung charakterisiert:
Eine besondere Überlieferung außerhalb der Schriften.
Nicht gegründet auf Worte und Buchstaben.
Unmittelbar auf den menschlichen Geist weisen.
Die eigene Natur sehen und Buddha werden.
Diese Sätze bedeuten nicht, dass Zen Texte oder philosophisches Denken ablehnt. Zen-Klöster waren über Jahrhunderte Orte intensiven Studiums, und Zen-Meister wie Dōgen gehören zu den anspruchsvollsten buddhistischen Autoren.
Die Pointe liegt vielmehr darin, dass kein Text die eigene Praxis ersetzen kann.
Man kann sehr viel über Wasser wissen und trotzdem durstig bleiben.
Zen in Japan
Chan gelangte in unterschiedlichen Formen nach Japan. Dort entstanden insbesondere die heute bekannten Schulen Rinzai und Sōtō.
Für das japanische Sōtō-Zen ist Dōgen Zenji (1200–1253) von zentraler Bedeutung. Dōgen reiste nach China, praktizierte dort Chan und kehrte 1227 nach Japan zurück.
Sein Verständnis von Zazen prägt die Sōtō-Tradition bis heute.
Zazen
Im Zentrum steht zazen – das Sitzen in Meditation.
Im Sōtō-Zen wird besonders shikantaza, „nur sitzen“, betont.
Dabei soll Zazen nicht als Technik verstanden werden, mit der ein bestimmter Zustand hergestellt wird. Dōgen beschreibt Praxis und Verwirklichung vielmehr als untrennbar.
Man sitzt nicht deshalb, weil irgendwo hinter dem Sitzen noch das eigentliche Zen wartet.
Das Sitzen selbst ist die Praxis.
Erwachen
Der Buddhismus beginnt mit der Erfahrung, dass unser gewöhnliches Verhältnis zur Welt von Unbeständigkeit, Anhaften und Leiden geprägt ist.
Erwachen bedeutet nicht, aus der Welt zu verschwinden oder ein übernatürlicher Mensch zu werden. Es bedeutet, Wirklichkeit weniger durch die ständige Fixierung auf ein getrenntes, festes Ich zu betrachten.
Zen spricht deshalb häufig weniger darüber, etwas Neues zu erwerben, als darüber, das unmittelbarer zu sehen, was ohnehin geschieht.
Leerheit
Ein zentrales Mahāyāna-Konzept ist śūnyatā – Leerheit.
Leerheit bedeutet nicht, dass nichts existiert. Sie bezeichnet vielmehr, dass Dinge nicht aus sich selbst heraus, unabhängig und unveränderlich bestehen.
Alles entsteht in Beziehungen und Bedingungen.
Auch das, was wir „Ich“ nennen, ist kein isolierter Kern außerhalb dieser Beziehungen.
Alltag
Zen beschränkt sich deshalb nicht auf das Meditationskissen.
Gehen, Essen, Arbeiten, Kochen, Reinigen und der Umgang mit anderen Menschen gehören zur Praxis.
In der Klostertradition wurde gerade den alltäglichen Tätigkeiten große Aufmerksamkeit gegeben. Dōgens Texte über die Arbeit des Kochs zeigen beispielhaft, dass buddhistische Praxis nicht erst beginnt, wenn der Alltag aufhört.
Ethik
Zen ist nicht einfach eine wertfreie Aufmerksamkeitstechnik.
Wie andere buddhistische Traditionen kennt Zen ethische Übungsregeln. Dazu gehören unter anderem das Nicht-Töten, Nicht-Stehlen, ein verantwortlicher Umgang mit Sexualität, wahrhaftige Rede und der Verzicht darauf, den Geist durch Rauschmittel zu trüben.
Diese Regeln sind weniger Gebote einer äußeren Autorität als Formen, in denen sich buddhistische Praxis im Zusammenleben konkretisiert.
Zen und Religion
Ist Zen eine Religion?
Historisch eindeutig ja: Zen ist eine buddhistische religiöse Tradition mit Tempeln, Ordinationen, Ritualen, Zeremonien und einer über Jahrhunderte entwickelten Institutionengeschichte.
Gleichzeitig können Menschen Zazen praktizieren, ohne sich selbst als religiös zu verstehen.
Beides sollte man nicht miteinander verwechseln. Zazen kann für einen modernen europäischen Menschen eine unmittelbare Praxis sein – seine Herkunft bleibt dennoch buddhistisch.
Kein Versprechen
Zen verspricht kein Leben ohne Krankheit, Verlust, Alter und Tod.
Es bietet auch keine einfache Antwort auf jede Sinnfrage.
Vielleicht liegt seine besondere Kraft gerade darin, dass es uns nicht aus diesem Leben herausführt.
Es führt zurück.
Zu diesem Körper.
Zu diesem Atemzug.
Zu diesem Augenblick.
Zen beginnt deshalb erstaunlich unspektakulär.
Mit einem Kissen.
Einem aufrechten Körper.
Und der Bereitschaft, eine Weile einfach da zu sein.
Film der Sōtōshū
ZEN – Find the Light
Der vom Soto Zen Buddhism International Center produzierte Film begleitet die japanische Schauspielerin Mao Miyaji bei einer Zazen-Erfahrung und zeigt ein Gespräch mit zwei Sōtō-Zen-Priestern.