Shikantaza (只管打坐) wird meist mit „nur sitzen“ übersetzt. Das klingt schlicht – und ist gerade deshalb leicht misszuverstehen. Gemeint ist weder passives Herumsitzen noch eine Technik, mit der man einen besonderen Bewusstseinszustand erzeugt. Shikantaza bezeichnet eine Form des Zazen, in der das Sitzen nicht als Mittel für ein späteres Ziel verstanden wird.

„Nur sitzen“ – ohne Zusatz

Im Alltag tun wir fast alles um eines anderen Zweckes willen. Wir gehen zur Arbeit, um Geld zu verdienen. Wir trainieren, um fitter zu werden. Wir lernen, um etwas zu können. Selbst Meditation wird heute oft mit einem Nutzen begründet: weniger Stress, bessere Konzentration, mehr Gelassenheit.

Shikantaza unterbricht diese Logik. Man sitzt nicht, um irgendwann „fertig“ zu sein. Man sitzt nicht, um eine Erfahrung zu produzieren. Man sitzt, weil dieses Sitzen selbst die Praxis ist.

Das bedeutet nicht, dass Zazen wirkungslos wäre. Es bedeutet nur, dass seine Wirkungen nicht zu seinem eigentlichen Maßstab werden.

Dōgen: Praxis und Verwirklichung

Bei Dōgen ist Zazen nicht bloß Vorbereitung auf Erwachen. Praxis und Verwirklichung werden nicht wie zwei Punkte auf einer Zeitachse behandelt: zuerst üben, später ankommen.

Diese Sicht wird im Sōtō-Zen häufig mit shushō ittō bezeichnet – Praxis und Verwirklichung sind nicht voneinander zu trennen.

Wer sitzt, sitzt deshalb nicht „noch unerleuchtet“ auf dem Weg zu einem zukünftigen spirituellen Zustand. Die Praxis besteht vielmehr darin, den gegenwärtigen Augenblick nicht ständig in ein Mittel für etwas anderes zu verwandeln.

Was geschieht mit den Gedanken?

Shikantaza ist kein Versuch, das Denken abzuschalten.

Gedanken kommen. Erinnerungen tauchen auf. Pläne entstehen. Körperempfindungen verändern sich. Geräusche erscheinen und verschwinden.

Die entscheidende Bewegung besteht darin, sich weder an diese Gedanken zu klammern noch gegen sie anzukämpfen. Sie müssen nicht weitergeführt, bewertet oder beseitigt werden.

In der Sōtō-Tradition wird deshalb betont, dass man Gedanken weder verfolgen noch unterdrücken soll. Man kehrt immer wieder zur aufrechten Haltung und zum wachen Sitzen zurück.

Hishiryō – Nicht-Denken

Dōgen übernimmt die berühmte Wendung:

Denke aus dem Grund des Nicht-Denkens.
Wie denkt man aus dem Grund des Nicht-Denkens?
Nicht-Denken.

Das japanische hishiryō (非思量) lässt sich als „Nicht-Denken“ oder „jenseits des berechnenden Denkens“ wiedergeben. Gemeint ist keine geistige Leere.

Es ist eher eine andere Beziehung zum Denken: Gedanken dürfen erscheinen, ohne dass man ihnen folgen muss.

Die Haltung ist nicht nebensächlich

Shikantaza ist keine rein mentale Übung. Die Körperhaltung gehört wesentlich dazu.

Der Körper sitzt stabil und aufrecht. Der Rücken ist weder steif noch zusammengesunken. Die Hände ruhen im Meditations-Mudra. Die Augen bleiben geöffnet, der Blick fällt ruhig nach vorn und unten. Der Atem wird nicht manipuliert.

In dieser Haltung wird Wachheit körperlich.

Nichts Besonderes

Zen kann leicht mit der Erwartung verbunden werden, etwas Außergewöhnliches erleben zu müssen: große Stille, mystische Einheit, völlige Gedankenfreiheit.

Shikantaza ist gerade darin radikal, dass es diese Erwartung nicht bedient.

Vielleicht ist das Sitzen angenehm.

Vielleicht ist es unruhig.

Vielleicht schmerzt das Knie.

Vielleicht ist der Geist klar.

Vielleicht denkt man vierzig Minuten lang an alltägliche Dinge.

All das gehört zur Praxis.

Die Aufgabe besteht nicht darin, aus dem Augenblick einen besseren Augenblick zu machen.

„Zen is good for nothing“

Kōdō Sawakis berühmter Satz, Zazen sei „zu nichts gut“, bringt diese Haltung auf provokante Weise zum Ausdruck.

Er bedeutet nicht, dass Zazen wertlos sei. Er richtet sich gegen die Vorstellung, der Wert der Praxis müsse durch einen Nutzen gerechtfertigt werden.

Gerade darin liegt eine eigentümliche Freiheit.

Für eine Weile muss nichts erreicht werden.

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Shikantaza ist deshalb keine spektakuläre Praxis.

Ein Mensch sitzt.

Er atmet.

Gedanken kommen und gehen.

Die Welt ist da.

Und für diesen Augenblick fehlt nichts.

Hinweise und Quellen

Zur praktischen Haltung und zum Umgang mit Gedanken siehe die offiziellen Zazen-Anleitungen der Sōtōshū sowie Dōgens Fukanzazengi. Zum modernen Verständnis von zweckfreiem Zazen ist Kōdō Sawakis Lehre, wie sie besonders durch Antaiji überliefert wird, zentral.