Kōdō Sawaki (1880–1965) gehört zu den prägenden Gestalten des japanischen Sōtō-Zen im 20. Jahrhundert. Er war kein Zenlehrer der gefälligen Formulierungen. Seine Sprache war direkt, manchmal grob, oft humorvoll und immer wieder darauf gerichtet, eine einfache Frage freizulegen: Warum sitzen wir eigentlich Zazen?

Sawakis Antwort ist berühmt geworden:

„Wenn man mich fragt, was Zazen bringt, sage ich, dass Zazen überhaupt nichts bringt.“

Der Satz klingt zunächst wie eine Absage an die Meditation. Tatsächlich bezeichnet er ziemlich genau den Kern von Sawakis Verständnis des Zazen.

Ein Leben für Zazen

Sawaki wurde 1880 geboren und bereits als Jugendlicher Mönch. Sein Leben verlief keineswegs geradlinig. Er praktizierte und studierte bei unterschiedlichen Lehrern, war Soldat im Russisch-Japanischen Krieg und wurde später zu einem weithin bekannten Lehrer des Zazen.

Statt dauerhaft einen großen eigenen Tempel aufzubauen, reiste er über Jahrzehnte durch Japan und leitete Sesshin. Daher stammt sein späterer Beiname „Landstreicher Kōdō“.

1949 wurde er fünfter Abt von Antaiji, das damals noch im Norden Kyōtos lag. Gemeinsam mit seinem Schüler Kōshō Uchiyama machte er den zuvor stark auf das Studium von Dōgens Shōbōgenzō ausgerichteten Tempel zu einem Ort intensiver Zazen-Praxis.

Was bringt Zazen?

Die moderne Frage nach Meditation lautet häufig: Was habe ich davon?

Werde ich ruhiger? Gesünder? Konzentrierter? Gelassener? Vielleicht sogar glücklicher?

Sawaki dreht diese Frage um.

Solange Zazen etwas „bringen“ soll, bleibt es Teil derselben Logik, die unser gewöhnliches Leben beherrscht: Ich investiere Zeit und Anstrengung und erwarte dafür einen Gewinn.

Auch Erleuchtung kann in dieser Logik zu einem Besitz werden, den das Ich erwerben möchte.

Sawakis „überhaupt nichts“ richtet sich gegen genau diese Haltung.

Nichts zu gewinnen

„Zu nichts gut“ bedeutet deshalb nicht: wertlos.

Es bedeutet: nicht auf einen persönlichen Gewinn reduzierbar.

Kōshō Uchiyama, Sawakis Schüler und Nachfolger in Antaiji, erläuterte diesen Punkt besonders deutlich. Das von Sawaki gelehrte Shikantaza sei das „Zazen des Nur-Sitzens“. Sein Sinn bestehe nicht darin, Kenshō zu erleben, Kōans zu lösen oder sich eine Art Urkunde der Erleuchtung zu verdienen.

Zazen besteht aus nichts als Sitzen.

Gerade das kann unbefriedigend sein. Denn unser gewöhnliches Bewusstsein möchte Ergebnisse sehen.

Shikantaza

Damit steht Sawaki unmittelbar in Dōgens Tradition des shikantaza – „nur sitzen“.

Nur sitzen heißt nicht, beiläufig herumzusitzen. Sawaki verlangt im Gegenteil eine vollständige körperliche Präsenz. Die Haltung ist nicht Verpackung für einen inneren spirituellen Vorgang.

Sie ist die Praxis selbst.

In seinen Anweisungen zum Zazen beschreibt Sawaki sehr konkret Sitzkissen, Beine, Hände, Wirbelsäule und Blick. Zen wird nicht allein im Kopf vollzogen.

Der ganze Körper sitzt.

Praxis und Erwachen

Hier berührt Sawakis Lehre einen zentralen Gedanken Dōgens: Praxis und Verwirklichung sind nicht zwei getrennte Vorgänge.

Wir sitzen nicht heute als gewöhnliche Menschen, damit wir irgendwann später zu Buddhas werden.

Sawaki formuliert es drastischer und spielerischer: Im Zazen „spielen wir Buddha“.

Damit ist kein Theater gemeint. Die Buddha-Haltung wird nicht dargestellt, um etwas anderes zu erreichen. Indem der Körper diese Form tatsächlich einnimmt, wird Buddha-Praxis gegenwärtig.

Das gewöhnliche Ich

Sawaki spricht immer wieder spöttisch vom gewöhnlichen Menschen, der alles nach Gewinn und Verlust beurteilt.

Dieses Ich fragt:

Was bekomme ich?

Wie wirke ich auf andere?

Bin ich besser geworden?

Bin ich schon weiter als gestern?

Selbst die spirituelle Praxis kann diesem Vergleich dienen.

Deshalb ist Sawakis Zen keine Methode zur Veredelung des Ego. Zazen soll nicht das Projekt „Ich“ erfolgreicher machen.

Mit sich selbst vertraut werden

Gleichzeitig ist Sawakis Zen ausgesprochen persönlich.

Zen darf für ihn kein Gerücht über Buddha, Dōgen oder irgendeinen Meister bleiben. Es muss die eigene Angelegenheit werden – hier und jetzt.

In den von Uchiyama überlieferten Aussprüchen kehrt deshalb die Bewegung zum eigenen Leben immer wieder zurück: sich selbst finden, mit sich selbst vertraut werden, im gegenwärtigen Augenblick stehen.

Doch dieses „Selbst“ ist nicht das kleine, abgeschlossene Ich.

Sawaki beschreibt es als ein Selbst, das nicht von der Welt getrennt ist.

Gedanken sind kein Fehler

Auch beim Umgang mit Gedanken ist Sawaki bemerkenswert nüchtern.

Zazen gelingt nicht erst dann, wenn keine Gedanken mehr auftauchen.

Er warnt davor, Satori zu suchen oder Illusionen beseitigen zu wollen. Gedanken und Gefühle dürfen erscheinen und vorüberziehen, ohne dass man sich an sie hängt und ohne vor ihnen wegzulaufen.

Das Problem besteht nicht darin, dass wir denken.

Das Problem beginnt dort, wo jeder Gedanke sofort zur ganzen Welt wird.

Unzufriedenstellendes Zazen

Uchiyama berichtet, dass selbst ernsthafte Schüler Sawakis irgendwann Zweifel bekamen. Sie saßen lange und intensiv – und dennoch stellte sich kein endgültiges Gefühl ein, „angekommen“ zu sein.

Genau darin liegt eine Schwierigkeit von Shikantaza.

Es liefert dem gewöhnlichen Bewusstsein keine Trophäe.

Man kann nach einer Sitzung nicht zuverlässig sagen: Heute habe ich 17 Prozent mehr Erleuchtung als gestern.

Sawaki macht aus dieser Unzufriedenheit keinen Fehler der Praxis. Sie zeigt vielmehr, wie tief die Erwartung sitzt, für jede Anstrengung etwas erhalten zu müssen.

Freiheit vom Zweck

Vielleicht lässt sich Sawakis „Zazen bringt nichts“ deshalb auch philosophisch lesen.

Fast unser gesamtes modernes Leben ist zweckorientiert. Zeit wird investiert. Leistung wird gemessen. Fortschritt wird dokumentiert. Selbst Freizeit soll erholsam, gesund oder persönlichkeitsbildend sein.

Zazen entzieht sich für eine Weile dieser Rechnung.

Man sitzt nicht, um anderswo anzukommen.

Man sitzt.

· · ·

Das ist keine Geringschätzung des Lebens.

Im Gegenteil.

Vielleicht beginnt der Wert eines Augenblicks gerade dort sichtbar zu werden, wo er nicht mehr dadurch gerechtfertigt werden muss, was später aus ihm entsteht.

Sawakis scheinbar nihilistischer Satz enthält deshalb eine eigentümlich positive Botschaft:

Dieses Sitzen muss nichts einbringen.

Dieses Leben muss nicht erst zu einem Geschäft werden, bevor es gelebt werden darf.

Quellen und Hinweise

Der Text stützt sich vor allem auf die deutschsprachigen Sawaki- und Uchiyama-Materialien von Antaiji: die Sammlungen An dich und Zen ist die größte Lüge aller Zeiten, Uchiyamas Text über die Unzufriedenheit mit Shikantaza, Kushiya Shūsokus biografische Darstellung von Sawaki sowie Antaijis Texte zur Zazen-Praxis. Die pointierten Sawaki-Aussprüche sind in unterschiedlichen Übersetzungen überliefert; hier wurde deshalb nur sparsam wörtlich zitiert und ansonsten sinngemäß zusammengefasst.