Kinhin (経行) ist die Gehmeditation des Zen. Sie wird gewöhnlich zwischen zwei Perioden Zazen praktiziert. Dabei ist Kinhin keine Pause vom Zazen, sondern dieselbe Praxis in Bewegung: aufrecht, wach und ohne Eile.
Vom Sitzen zum Gehen
Nach einer längeren Zeit des Sitzens wird der Körper wieder bewegt. Doch der Übergang geschieht nicht abrupt. Man löst die Beine langsam, steht ruhig auf und richtet sich auf.
Die Aufmerksamkeit, die im Zazen nicht auf ein besonderes Objekt verengt wird, bleibt auch im Gehen offen. Geräusche, Körperempfindungen und Gedanken können erscheinen, ohne dass man ihnen nachgehen muss.
Die Haltung
Der Oberkörper bleibt aufrecht wie im Zazen. Kopf und Nacken setzen die Linie der Wirbelsäule fort. Der Blick fällt ruhig nach vorn und etwas nach unten.
In der traditionellen Sōtō-Form wird die linke Hand zur Faust geschlossen, wobei der Daumen in der Faust liegt. Die rechte Hand bedeckt die linke Faust. Beide Hände werden vor der Brust gehalten. Diese Handhaltung wird shashu genannt.
Die Unterarme liegen ungefähr waagerecht. Schultern und Ellbogen bleiben entspannt.
Die Schritte
Kinhin wird sehr langsam gegangen.
In der klassischen Sōtō-Praxis wird während eines Atemzuges ungefähr ein halber Schritt gemacht. Mit dem Ausatmen verlagert sich das Gewicht allmählich nach vorn; der nächste Schritt entsteht ohne Hast.
Es geht nicht darum, die Bewegung künstlich zu verlangsamen. Entscheidend ist vielmehr, jeden Schritt vollständig zu gehen.
Der Atem
Wie im Zazen wird der Atem nicht erzwungen.
Er kommt und geht durch die Nase. Bewegung und Atem finden allmählich einen gemeinsamen Rhythmus. Der Atem soll dabei nicht zum Gegenstand angestrengter Konzentration werden.
Gehen in der Gruppe
Im Dojo bewegt sich die Gruppe gewöhnlich in einer Linie und mit gleichem Abstand. Jeder folgt der Person vor sich, ohne sie zu bedrängen.
Dadurch entsteht etwas Eigentümliches: Jeder geht seinen eigenen Schritt – und zugleich geht die ganze Gruppe gemeinsam.
Kinhin ist deshalb auch eine Übung darin, sich in eine Form einzufügen, ohne die eigene Wachheit abzugeben.
Kein Weg irgendwohin
Gewöhnliches Gehen hat ein Ziel. Wir gehen zur Tür, zum Bahnhof, zum Arbeitsplatz oder nach Hause.
Kinhin hat in diesem Sinne kein Ziel.
Man geht, aber man muss nirgendwo ankommen.
Gerade dadurch kann ein Schritt wieder einfach ein Schritt sein.
Zazen und Kinhin sind keine Gegensätze von Ruhe und Bewegung.
Im Sitzen bewegt sich die Welt.
Im Gehen kann große Stille sein.
Beides ist Praxis.
Offizielle Sōtōshū ZEN class
Kinhin in der Praxis
In der ZEN class der Sōtōshū-Zentrale in Tokio gehört Kinhin ausdrücklich zum Programm zwischen Zazen und dem anschließenden Tee. Die aufgezeichneten Sitzungen können über das offizielle YouTube-Archiv angesehen werden.