Wenn wir der Sache auf den Grund gehen: Der Weg ist ursprünglich vollkommen und überall gegenwärtig. Weshalb sollte er erst durch Übung und Erwachen erlangt werden? Das wahre Dharma ist frei und ungehindert. Wozu sollte es angestrengter Bemühung bedürfen?

Das Ganze ist von jeher frei von Staub. Wer könnte glauben, es müsse erst gereinigt werden? Es ist niemals von diesem Ort hier getrennt. Wozu also fortgehen, um es anderswo zu suchen?

Und doch: Entsteht auch nur die geringste Abweichung, so liegen Himmel und Erde weit auseinander. Sobald Vorliebe und Abneigung aufkommen, gerät der Geist in Verwirrung.

Selbst wenn du dich deines Verständnisses rühmst und glaubst, reich an Erwachen zu sein; selbst wenn du einen flüchtigen Einblick in die Weisheit gewonnen, den Weg erfasst und den Geist geklärt hast und mit einem Geist, der bis zum Himmel reicht, frei im Bereich des Verstehens umhergehst – so kann dir doch noch der lebendige Weg der völligen Befreiung fehlen.

Sieh den Buddha: Obwohl er von Geburt an überragende Weisheit besaß, sind die Spuren seiner sechs Jahre aufrechten Sitzens noch sichtbar. Und Bodhidharma, der das Siegel des Geistes übermittelte – noch heute erinnert man sich an seine neun Jahre des Sitzens vor der Wand.

Wenn selbst die Weisen der Vergangenheit so übten, wie könnten wir Menschen von heute darauf verzichten?

· · ·

Darum höre auf, Worten nachzujagen und in Schriften nach Verständnis zu suchen. Lerne den Schritt zurück, der das Licht nach innen wendet und auf sich selbst zurückscheinen lässt.

Körper und Geist werden von selbst abfallen, und dein ursprüngliches Gesicht wird offenbar.

Willst du dies erfahren, dann übe dies unmittelbar.

Für Zazen eignet sich ein stiller Raum. Iss und trink mit Maß. Lass alle Verbindungen und Verpflichtungen für eine Weile ruhen und lege alle Angelegenheiten beiseite.

Denke nicht über Gut und Böse nach. Urteile nicht über richtig und falsch. Lass die Bewegungen des bewussten Denkens zur Ruhe kommen. Hör auf, Gedanken, Vorstellungen und Wahrnehmungen abzuwägen.

Versuche nicht, ein Buddha zu werden.

Zazen ist nicht auf Sitzen oder Liegen beschränkt.

· · ·

An dem Ort, an dem du gewöhnlich sitzt, lege eine dicke Unterlage aus und darauf ein rundes Sitzkissen.

Sitze entweder im vollen Lotossitz oder im halben Lotossitz.

Beim vollen Lotossitz legst du zuerst den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel und dann den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel.

Beim halben Lotossitz legst du einfach den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel.

Lockere deine Kleidung und deinen Gürtel und ordne sie bequem.

Lege die rechte Hand auf den linken Fuß und die linke Hand mit der Handfläche nach oben auf die rechte Hand. Die Spitzen der Daumen berühren sich leicht.

Sitze aufrecht und gerade.

Lehne dich weder nach links noch nach rechts, weder nach vorn noch nach hinten.

Ohren und Schultern sollen in einer Linie sein, ebenso Nase und Nabel.

Die Zunge liegt am Gaumen. Die Lippen und Zähne sind geschlossen. Die Augen bleiben geöffnet.

Atme ruhig durch die Nase.

Wenn du deine Körperhaltung geordnet hast, atme einmal vollständig aus und schwinge den Oberkörper einige Male nach links und rechts.

Dann sitze unbeweglich und aufrecht.

· · ·

Denke aus dem Grund des Nicht-Denkens.

Wie denkt man aus dem Grund des Nicht-Denkens?

Nicht-Denken.

Dies ist die wesentliche Kunst des Zazen.

Das Zazen, von dem ich spreche, ist keine Meditationstechnik. Es ist nichts anderes als das Dharma-Tor großer Ruhe und Freude, die Übung und Verwirklichung vollkommenen Erwachens.

Die Wirklichkeit zeigt sich unmittelbar. Kein Netz, keine Falle kann sie festhalten.

Wenn du dies erfasst hast, bist du wie ein Drache, der das Wasser erreicht, oder wie ein Tiger, der in die Berge zurückkehrt.

Du solltest wissen: Das wahre Dharma zeigt sich von selbst, und Müdigkeit und Zerstreutheit fallen von dir ab.

Wenn du dich vom Sitzen erhebst, bewege den Körper langsam und stehe ruhig auf. Tue es nicht hastig oder gewaltsam.

· · ·

Wenn wir auf die Vergangenheit schauen, sehen wir, dass das Überschreiten von Gewöhnlichem und Heiligem und das Sterben im Sitzen oder Stehen immer von dieser Kraft getragen wurden.

Darüber hinaus lassen sich die entscheidenden Wendungen, die durch einen Finger, eine Stange, eine Nadel oder einen Holzklöppel ausgelöst wurden, ebenso wenig durch unterscheidendes Denken verstehen wie das Erwachen durch einen Fliegenwedel, eine Faust, einen Stock oder einen Schrei.

Solche Dinge können nicht durch Denken und Unterscheiden erfasst werden. Noch weniger lassen sie sich durch übernatürliche Kräfte begreifen.

Sie gehören zu einem Verhalten jenseits von Sehen und Hören. Sind sie nicht Ausdruck einer Wirklichkeit, die allem Wissen und Wahrnehmen vorausgeht?

Darum spielt es keine Rolle, ob jemand klug oder einfältig ist. Unterscheide nicht zwischen scharfem und stumpfem Geist.

Wenn du dich mit ganzem Herzen der Übung widmest, ist dies bereits der Weg.

Übung und Verwirklichung sind ihrer Natur nach unbefleckt. Vorwärtszugehen auf dem Weg ist eine Sache des alltäglichen Lebens.

· · ·

In dieser Welt wie auch in anderen Ländern wird das Siegel des Buddha gleichermaßen bewahrt. Überall lebt der Wind dieser Lehre.

Widme dich einfach dem Sitzen und sei vollkommen unbewegt.

Auch wenn es tausend Unterschiede und zehntausend Verschiedenheiten gibt – übe von ganzem Herzen Zazen und verwirkliche den Weg.

Warum solltest du den Sitzplatz in deinem eigenen Haus verlassen und ziellos durch den Staub fremder Länder wandern?

Ein einziger falscher Schritt – und du verfehlst, was unmittelbar vor dir liegt.

Du hast das entscheidende menschliche Leben bereits erhalten. Vergeude deine Zeit nicht.

Du hast Anteil am wesentlichen Weg des Buddha-Dharma. Wer wollte sich mit den Funken eines Feuersteins vergnügen?

Form und Substanz sind wie Tau auf dem Gras.

Das Leben gleicht einem Blitz.

In einem Augenblick ist es verschwunden.

· · ·

Ich bitte euch, die ihr den Weg erforscht:

Gewöhnt euch nicht so sehr an Bilder, dass ihr vor dem wirklichen Drachen erschreckt.

Verschwendet eure Kraft nicht mit einem Weg, bei dem ihr nur nach außen tastet.

Geht unmittelbar voran auf dem Weg, der direkt auf die Wirklichkeit weist.

Achtet diejenigen, die das Lernen vollendet haben und nichts mehr zu tun suchen.

Stimmt euch ein auf das Erwachen aller Buddhas.

Werdet Erben des Samādhi der Patriarchen.

Wenn ihr lange auf diese Weise übt, werdet ihr auf diese Weise sein.

Die Schatzkammer wird sich von selbst öffnen,

und ihr werdet sie frei empfangen und gebrauchen können.