Dōgens Fukanzazengi gehört zu den grundlegenden Texten des Sōtō-Zen. Auf den ersten Blick ist es eine Anleitung zum Sitzen: ein ruhiger Ort, ein Kissen, die Haltung der Beine und Hände, die Ausrichtung von Rücken, Kopf und Blick. Doch gerade wenn man den Text mit seiner chinesischen Vorgeschichte vergleicht, wird sichtbar, dass Dōgen aus einer Meditationsanweisung etwas Eigenständiges macht: eine Aussage darüber, was buddhistische Praxis überhaupt ist.

Eine chinesische Vorlage

Eine wichtige textgeschichtliche Grundlage ist das Zuochan yi (坐禪儀), die „Regeln für die Sitzmeditation“ des Chan-Mönchs Changlu Zongze. Der Text wurde in das 1103 zusammengestellte Chanyuan Qinggui (禪苑清規), die „Reinen Regeln für Chan-Klöster“, aufgenommen.

Das Zuochan yi beschreibt bereits vieles von dem, was auch bei Dōgen begegnet: einen geeigneten Ort, maßvolles Essen, das Ordnen der Kleidung, Lotossitz oder halben Lotossitz, die Haltung der Hände, die aufrechte Wirbelsäule, die Stellung von Zunge und Augen sowie die Rückkehr aus der Meditation.

Dōgen übernimmt also keineswegs eine Praxis ohne Vorgeschichte. Er steht mitten in der chinesischen Chan-Tradition, die er während seines Aufenthalts in China intensiv kennengelernt hatte.

Interessant wird es dort, wo er die Funktion dieser Anleitung verändert.

Vom Meditationsverfahren zur Praxis des Weges

Eine Sitzanweisung kann leicht so verstanden werden: Man nimmt eine bestimmte Haltung ein, führt eine bestimmte geistige Übung aus und erreicht dadurch irgendwann einen bestimmten Zustand. Meditation wäre dann ein Mittel, Erwachen das Ziel.

Dōgens Denken widersetzt sich genau dieser einfachen Zweckstruktur.

Für ihn ist Zazen nicht bloß Vorbereitung auf Verwirklichung. Praxis und Verwirklichung sind nicht zwei zeitlich voneinander getrennte Dinge – hier die Übung eines noch unerleuchteten Menschen, dort später das erreichte Erwachen.

Im Sōtō-Zen wird dafür häufig der Ausdruck shushō ittō (修証一等) verwendet: Praxis und Verwirklichung sind „eins“ oder „von einer Art“. Das bedeutet nicht, dass ein Anfänger bereits alles verstanden hätte. Es bedeutet vielmehr, dass die Praxis nicht erst durch ein späteres Ergebnis ihren Wert bekommt.

Wenn Zazen wirklich Zazen ist, dann ist es nicht die Vorbereitung auf den Weg. Es ist der Weg in seiner gegenwärtigen Form.

Der überraschende Anfang des Fukanzazengi

Darum beginnt Dōgen nicht mit der Sitzhaltung, sondern mit einer scheinbar paradoxen Frage. Wenn der Weg von Anfang an vollkommen und überall gegenwärtig ist – warum sollte man überhaupt üben?

Diese Frage ist nicht rhetorischer Schmuck. Sie berührt einen Widerspruch, der den Buddhismus seit jeher begleitet: Wenn die Buddha-Natur nicht erst hergestellt werden muss, wozu dann Meditation, Disziplin und lebenslange Praxis?

Dōgens Antwort besteht nicht in einer philosophischen Definition. Sie besteht im Sitzen.

Gerade weil der Weg nicht außerhalb unseres gegenwärtigen Lebens liegt, kann er auch nur hier verwirklicht werden. „Ursprüngliche Vollkommenheit“ ist kein Besitz, den man theoretisch feststellen könnte. Sie wird nur in der Weise wirklich, in der dieses Leben tatsächlich gelebt wird.

Der Schritt zurück

Eine der schönsten Formulierungen des Fukanzazengi ist Dōgens Aufforderung, den „Schritt zurück“ zu lernen, der das Licht nach innen wendet.

Der Schritt zurück ist keine Flucht vor der Welt. Er bezeichnet vielmehr eine Bewegung weg von unserem gewöhnlichen Drang, jedem Gedanken, jeder Bewertung und jedem Ziel nachzulaufen.

Im Alltag sind wir fast immer irgendwohin unterwegs. Ein Gedanke führt zum nächsten. Ein Wunsch erzeugt einen neuen Wunsch. Eine Sorge verlangt nach einer Lösung. Eine Leistung eröffnet die nächste Aufgabe.

Zazen unterbricht diese Vorwärtsbewegung.

Nicht, indem es das Denken gewaltsam abschaltet. Sondern indem es nicht jeden Gedanken weiterführt.

Hishiryō – jenseits des berechnenden Denkens

Besonders berühmt ist Dōgens Aufnahme eines alten Zen-Dialogs:

Denke aus dem Grund des Nicht-Denkens.
Wie denkt man aus dem Grund des Nicht-Denkens?
Nicht-Denken.

Das japanische Wort hishiryō (非思量) wird oft mit „Nicht-Denken“ oder „jenseits des Denkens“ wiedergegeben. Gemeint ist nicht eine geistige Leere und auch nicht der Versuch, Gedanken zu unterdrücken.

Gedanken erscheinen im Zazen weiterhin. Erinnerungen tauchen auf, Pläne, Bilder, Körperempfindungen, Bewertungen und kleine innere Gespräche.

Der Unterschied liegt darin, dass sie nicht mehr automatisch zu Arbeitsaufträgen werden.

Ein Gedanke kann kommen und wieder verschwinden, ohne dass er gelöst, begründet oder weitergesponnen werden muss.

Hishiryō bezeichnet deshalb weniger einen besonderen Zustand als eine andere Beziehung zum Denken.

Keine Meditationstechnik

Dōgen sagt ausdrücklich, dass das Zazen, von dem er spricht, keine bloße Meditationstechnik sei.

Das ist bis heute eine wichtige Unterscheidung. In der modernen Welt wird Meditation häufig über ihre Wirkungen begründet: weniger Stress, bessere Konzentration, emotionale Regulation, Leistungsfähigkeit oder Wohlbefinden.

Solche Wirkungen können durchaus auftreten. Aber für Dōgen wären sie nicht das Fundament der Praxis.

Wenn Zazen nur deshalb wertvoll wäre, weil es uns ruhiger, gesünder oder effizienter macht, wäre es wieder ein Werkzeug innerhalb unserer üblichen Zwecklogik.

Dōgens Zazen beginnt dort, wo für eine Weile nichts verbessert werden muss.

Shikantaza – nur sitzen

Diese Haltung wird später besonders mit dem Ausdruck shikantaza verbunden: „nur sitzen“.

Das „nur“ klingt bescheiden, ist aber radikal.

Nur sitzen bedeutet nicht, gelangweilt herumzusitzen. Es bedeutet, dass dem Sitzen nichts hinzugefügt werden muss, um es zu rechtfertigen.

Keine Vision.

Keine mystische Erfahrung.

Kein messbarer Fortschritt.

Keine Bilanz.

Der Körper sitzt. Der Atem kommt und geht. Geräusche erscheinen. Gedanken erscheinen. Der Augenblick wird nicht in ein Mittel für einen anderen Augenblick verwandelt.

Warum dann überhaupt üben?

Damit kehrt die Frage vom Anfang zurück.

Wenn nichts erreicht werden muss – warum sollte man sich jeden Morgen auf ein Kissen setzen?

Vielleicht gerade deshalb.

Weil ein großer Teil unseres Lebens fast vollständig von Zwecken organisiert wird. Wir tun etwas, um etwas anderes zu erreichen. Und dieses andere dient wiederum einem weiteren Ziel.

Zazen setzt für eine Weile einen Punkt.

Nicht als Protest gegen sinnvolles Handeln. Natürlich müssen wir arbeiten, planen, einkaufen, lernen, reparieren und Entscheidungen treffen.

Aber vielleicht ist ein Leben, in dem jeder Augenblick nur noch Mittel für einen späteren Augenblick ist, auf eigentümliche Weise abwesend.

Dōgens Zazen erinnert daran, dass dieser gegenwärtige Augenblick nicht erst durch seine Zukunft wirklich wird.

Die Haltung als Philosophie

Darum sind die scheinbar technischen Details des Fukanzazengi nicht nebensächlich.

Der Rücken aufrecht.

Die Hände ineinander.

Die Augen geöffnet.

Der Atem ruhig.

Der Körper wird nicht verlassen, um einen rein geistigen Zustand zu erreichen.

Die Praxis geschieht mit diesem Körper, in diesem Raum, in dieser Zeit.

Man könnte sagen: Dōgens Philosophie nimmt die Form einer Körperhaltung an.

Ein Text, der auf das Kissen verweist

Das Fukanzazengi ist deshalb zugleich philosophisch und ausgesprochen praktisch.

Es spricht über die Vollkommenheit des Weges, über Nicht-Denken und über das Verhältnis von Praxis und Verwirklichung. Und doch endet alles bei einer einfachen Handlung:

Setz dich.

Nicht irgendwann, wenn die Bedingungen ideal sind.

Nicht erst, wenn du verstanden hast, was Zen bedeutet.

Nicht als Investition in einen zukünftigen erleuchteten Menschen.

Sondern jetzt.

· · ·

Vielleicht liegt gerade darin Dōgens ungewöhnliche Aktualität: Er bietet keine weitere Theorie darüber an, wie wir unser Leben optimieren sollen. Er lädt dazu ein, für eine Weile mit der Optimierung aufzuhören.

Und einfach zu sitzen.