Wir sind gewohnt, nach dem Sinn unseres Lebens zu fragen. Die Frage erscheint uns beinahe selbstverständlich: Wozu bin ich hier? Was soll aus meinem Leben werden? Was bleibt von ihm? Und was macht ein Leben, angesichts von Krankheit, Verlust, Alter und Tod, überhaupt sinnvoll?

Der Zen-Meister Dōgen, der im 13. Jahrhundert lebte und den Sōtō-Zen nach Japan brachte, hätte diese Fragen vermutlich nicht so gestellt. Und doch berührt sein Denken sie an einer überraschend radikalen Stelle.

In einem Kapitel seines Shōbōgenzō beschäftigt er sich mit einem Satz des chinesischen Chan-Meisters Xuansha Shibei:

„Das ganze Universum in den zehn Richtungen ist eine einzige leuchtende Perle.“

Dōgen nennt dieses Kapitel Ikka Myōju – „Eine leuchtende Perle“.

Was zunächst wie ein schönes buddhistisches Bild klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Zumutung für unser gewohntes Denken. Denn Xuansha sagt nicht: Das Universum gleicht einer leuchtenden Perle. Er sagt: Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle.

Was könnte das bedeuten?

Die Welt, die uns gegenübersteht

Im gewöhnlichen Leben erleben wir uns als jemanden, der einer Welt gegenübersteht. Hier bin „ich“, dort sind die anderen Menschen und die Dinge. Ich habe Wünsche, Erinnerungen und Pläne. Manche Dinge gelingen, andere misslingen. Manche Menschen liebe ich, andere machen mir Schwierigkeiten. Mein Körper funktioniert eine Zeit lang zuverlässig und beginnt irgendwann, seine Grenzen zu zeigen.

Aus dieser Perspektive entsteht beinahe zwangsläufig die Frage nach dem Sinn. Denn wenn ich mich als einzelnes Wesen innerhalb einer riesigen Welt begreife, muss ich mich fragen, welchen Platz ich darin habe.

Was ist meine Aufgabe? Was soll ich erreichen? Was macht mein Leben wertvoll?

Die moderne westliche Welt gibt darauf viele Antworten. Sinn kann in der Familie liegen, in Arbeit, Liebe, Kreativität, Religion, gesellschaftlichem Engagement oder persönlicher Entwicklung. Und all das kann tatsächlich ein Leben tragen.

Doch Dōgen setzt noch früher an.

Wer ist eigentlich dieser Mensch, der nach dem Sinn seines Lebens fragt? Und was ist diese Welt, in der er seinen Sinn finden möchte?

Eine einzige Perle

„Das ganze Universum ist eine einzige leuchtende Perle.“

Das bedeutet zunächst: Es gibt keinen Ort außerhalb dieser Perle.

Der Mensch, der nach dem Sinn fragt, gehört ebenso zu ihr wie der Baum vor seinem Fenster, das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos, seine Erinnerungen, seine Hoffnungen, seine Müdigkeit und sein Atem.

Auch die Frage nach dem Sinn ist bereits Teil der Perle.

Das klingt zunächst mystisch. Dōgens Gedanke ist jedoch erstaunlich konkret. Wir zerlegen die Wirklichkeit fortwährend in einzelne Dinge: Ich und du, innen und außen, wichtig und unwichtig, gelungen und misslungen. Diese Unterscheidungen sind für das tägliche Leben notwendig. Aber wir beginnen zu glauben, sie seien die Wirklichkeit selbst.

Im Zazen geschieht etwas anderes.

Wir sitzen. Wir atmen. Geräusche kommen und gehen. Gedanken erscheinen und verschwinden. Erinnerungen tauchen auf. Der Körper schmerzt vielleicht. Ein Vogel ruft draußen. Für einen Augenblick gibt es nichts zu erreichen und nichts zu erklären.

Die Welt muss in diesem Augenblick keinen Sinn haben. Sie ist einfach da. Und wir sind nicht außerhalb von ihr.

Vielleicht muss Sinn nicht gefunden werden

Damit verändert sich die Frage.

Normalerweise stellen wir uns Sinn wie etwas vor, das unserem Leben hinzugefügt werden muss. Ein Leben ohne Sinn erscheint wie ein unbeschriebenes Blatt, auf das wir eine Bedeutung schreiben müssen.

Dōgens „leuchtende Perle“ legt eine andere Möglichkeit nahe:

Vielleicht besteht das Problem nicht darin, dass unserem Leben Sinn fehlt. Vielleicht besteht es darin, dass wir fortwährend glauben, unser wirkliches Leben müsse erst noch beginnen.

Wenn ich dieses Ziel erreicht habe. Wenn ich diese Schwierigkeit überwunden habe. Wenn ich endlich weiß, was ich will. Wenn ich ruhiger geworden bin. Wenn ich erleuchtet bin. Dann wird mein Leben richtig sein.

Zen stellt diese Bewegung radikal infrage.

Denn auch dieser Augenblick – unvollkommen, unfertig, vielleicht sogar schmerzhaft – liegt nicht außerhalb der leuchtenden Perle.

Die zerbrochene Perle

Hier wird Dōgens Gedanke besonders interessant.

Man könnte die „leuchtende Perle“ romantisch missverstehen: als Behauptung, alles sei schön, harmonisch und vollkommen.

Aber das wäre kaum Zen.

Das menschliche Leben enthält Krankheit, Trennung, Einsamkeit, Angst und Tod. Menschen verlieren, was ihnen wichtig ist. Körper zerfallen. Beziehungen scheitern. Pläne werden bedeutungslos.

Die Perle verhindert nichts davon.

Sie sagt nicht: Alles wird gut.

Sie sagt etwas Schwierigeres:

Auch dies gehört dazu.

Die Wirklichkeit zerbricht nicht dadurch, dass unser persönlicher Lebensentwurf zerbricht.

Vielleicht ist gerade das eine der tiefsten Bedeutungen dieses Bildes.

Wir verbringen einen erheblichen Teil unseres Lebens damit, eine bestimmte Gestalt unserer Existenz aufrechtzuerhalten: So sollte mein Leben sein. So sollte mein Körper sein. So sollten andere Menschen sein. So sollte meine Zukunft aussehen.

Und irgendwann widerspricht das Leben unseren Vorstellungen.

Zen kann diesen Widerspruch nicht beseitigen. Aber Zazen kann uns lehren, in ihm zu sitzen.

Zazen und die leuchtende Perle

Deshalb ist Zazen bei Dōgen nicht in erster Linie eine Methode zur Selbstoptimierung.

Wir sitzen nicht, um aus einem unvollkommenen Menschen irgendwann einen vollkommenen Menschen zu machen.

Dōgen nennt seine Praxis shikantaza: einfach nur sitzen.

Das ist viel radikaler, als es klingt.

Für eine bestimmte Zeit geben wir den Versuch auf, irgendwohin zu gelangen. Wir müssen nichts herstellen. Wir müssen keinen besonderen Bewusstseinszustand erreichen. Wir müssen nicht einmal besonders ruhig sein.

Gedanken sind da. Dann sind sie fort. Der Atem kommt. Der Atem geht. Ein Knie schmerzt. Ein Geräusch entsteht. Die Welt ereignet sich.

Und genau diese Welt ist die leuchtende Perle.

Zazen bedeutet dann nicht, die Perle zu finden. Es bedeutet auch nicht, sie zum Leuchten zu bringen.

Sie hat niemals aufgehört zu leuchten.

Was bedeutet dann ein sinnvolles Leben?

Vielleicht wäre Dōgens Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens deshalb überraschend:

Hör für einen Augenblick auf, nach ihm zu suchen.

Nicht weil die Frage unwichtig wäre. Sondern weil das Suchen selbst voraussetzt, dass irgendwo etwas fehlt.

Wir glauben, hier sei unser gegenwärtiges Leben – und dort irgendwo seine Bedeutung.

Doch wenn „das ganze Universum eine einzige leuchtende Perle“ ist, gibt es dieses „dort“ nicht.

Dann liegt Sinn nicht hinter unserem Leben. Er liegt nicht am Ende unseres Lebens. Und er ist auch keine Belohnung für ein gelungenes Leben.

Er zeigt sich im Vollzug des Lebens selbst.

Eine Tasse Tee trinken. Mit einem Menschen sprechen. Einen Fehler machen. Trauern. Arbeiten. Einen Baum betrachten. Auf einem Zafu sitzen. Alt werden. Atmen.

Nichts davon muss erst zu etwas anderem werden.

Die Perle in der Hand

Vielleicht liegt darin eine eigentümliche Freiheit.

Wir dürfen weiterhin Pläne haben. Wir dürfen lieben, arbeiten, lernen, reisen, etwas verändern wollen. Zen verlangt keine Gleichgültigkeit gegenüber der Welt.

Aber unser Leben hängt nicht mehr vollständig davon ab, ob diese Pläne gelingen.

Denn bevor wir irgendetwas erreicht haben, sind wir bereits mitten darin.

Mitten in dieser einen Wirklichkeit.

Dōgens leuchtende Perle ist deshalb vielleicht keine Antwort auf die Frage: „Was ist der Sinn meines Lebens?“

Sie verändert vielmehr die Frage selbst.

Vielleicht muss das Leben nicht von außen gerechtfertigt werden. Vielleicht muss ich nicht erst herausfinden, warum ich existiere, bevor ich wirklich leben kann.

Vielleicht besteht die Übung darin, diesen einen Augenblick vollständig zu bewohnen.

Den Atem. Den Körper. Die anderen Menschen. Die Vergänglichkeit. Das Unvollkommene. Dieses Leben.

„Das ganze Universum in den zehn Richtungen ist eine einzige leuchtende Perle.“

Xuansha sagte diesen Satz. Dōgen nahm ihn auf und drehte ihn immer wieder, als hielte er tatsächlich eine Perle zwischen den Fingern.

Von welcher Seite wir sie auch betrachten: Wir können nicht aus ihr herausfallen.

Vielleicht ist das eine der stillsten Antworten des Zen auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.